20 Thesen zum Rechtschreibunterricht

Hans Brügelmann veröffentlichte vor „einer kleinen Weile“ seine 20 Thesen zum Rechtschreibunterricht.
Diese erscheinen zum jetzigen Zeitpunkt wichtiger denn je, da in NRW vor einem knappen Vierteljahr die Handreichung zum Rechtschreibunterricht inklusive des Grundwortschatzes veröffentlicht wurde und man bis zum Schuljahr 2021/22 eine Implementierung in den Deutschunterricht vorsieht.

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  1. Rechtschreibung verändert sich wie Sprache
    Eigene Schreibversuche als Lösung, nicht als Minderleistung gemessen an der vorgegebenen Norm erfahren können.
  2. Freies Schreiben und gezielte Rechtschreibarbeit ergänzen sich
    Selbstständiges Experimentieren, Versuchen, Herantasten im Wechselspiel mit der Auseinandersetzung von Modellen und Fehlerkorrekturen erleben.
    Dies eröffnet ein kognitiv breites Erfahrungsfeld für die SuS.
  3. Rechtschreiben lernen Kinder, indem sie viel selbst schreiben
    Von Beginn der Grundschulzeit an Raum und Zeit für inhaltliche Schreibung zulassen. Je häufiger man schreibt, desto häufiger denkt man über die Schreibung eines Wortes nach.
    Einen Exkurs zum Thema: „Lesen lernt man nur, indem man selber liest“ gibt es HIER.
  4. Lautgerecht schreiben zu können, ist die Grundlage jeden recht-Schreibens
    Wer die orthografisch richtige Schreibung vor die Lautschrift stellt, der fordert das Rennen auf der Tartanbahn vor der Krabbelphase.
  5. Auch orthografische Muster werden eigenaktiv erprobt
    Neu erworbene Besonderheiten werden oft übergeneralisiert (Oma wird zu „Omer“, rot wird zu „rott“).
  6. Orthografisches Können wächst aus Beispielen
    Kinder sollten von Schulbeginn an orthografisch richtige Wörter sammeln (Schatzkiste, Wörterheft, …) Das Sortieren nach dem Alphabet wird dadurch direkt mitgeschult und eine Vorbereitung auf die Wörterbucharbeit wird angestrebt.
  7. Richtig schreiben ist Anspruch an die Überarbeitung, nicht an den Entwurf
    Klar zu trennen ist der erste Textentwurf und die rechtschriftliche Überarbeitung dessen. Methoden wie Schreibkonferenzen oder Versammlungen leiten an und führen in eine Routine.
  8. Rechtschreibung: ein kognitives Rätsel, nicht nur Medium der Sprache
    Sprache soll neben der Kommunikation auch Anlass zur Analyse bieten: Fehlersuche, Sprachspiele und -vergleiche. Es weckt zudem das Interesse an den Rätseln der Orthografie und stärkt das Selbstvertrauen.
  9. Eine vollständige Rechtschreibsicherheit gibt es nicht
    Dennoch lassen sich, durch Arbeit mit dem Grundwortschatz, besonders häufig vorkommende Wörter durch stetige Übung rechtschriftlich sichern.
  10. Grundwortschatz ist eine Arbeitsform, keine inhaltliche Vorschrift
    Der Grundwortschatz bedeutet nicht, dass alle Kinder einer Klasse/einer Schule/ eines Bundeslandes dieselben Wörter lernen müssen. Mann kann beispielsweise eine Drittelaufteilung anstreben: 1/3 allgemein häufig vorkommende Wörter, 1/3 ist ein gemeinsamer Klassenwortschatz und das letzte Drittel beinhaltet für jedes Kind individuell wichtige Wörter.
  11. Auch in der Rechtschreibung: Das Lernen lernen
    Die Kinder müssen Hilfen an die Hand bekommen, die es ihnen erlauben sich selbstständig die Schreibweise neuer Wörter anzueignen.
  12. Regelmäßigkeiten folgen aus der Ordnung von Beispielen – nicht umgekehrt
    Regeln lassen sich nur durch eigene Erfahrungen erlernen und durchdringen.
    Diese können selbst als Merkhilfe formuliert werden.
  13. Selbstständigkeit setzt Vertrautheit mit Hilfsmitteln voraus
    Unsere Rechtschreibung ist ein sehr komplexes System und nach wie vor sind nicht alle Rechtschreibfälle geregelt. Kinder müssen lernen, wie sie aufkommende Fragen und Regelkonflikte lösen. Die Arbeit mit dem Wörterbuch hilft dabei einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.
  14. Faustregeln statt Scheinsicherheit
    Zu diesem Punkt gibt es eine ganz klare Weiterentwicklung hin zu den Rechtschreibstrategien, die es erlauben Wörter sicher ableiten zu können, um sie richtig zu notieren.
  15. Individuell probieren – gemeinsam nachdenken
    Ermutigt die Kinder eigenen Lösungswege und -strategien zu verfolgen und diese zu erproben. Regt das Nachdenken durch Methoden wie das Rechtschreibgespräch an.
  16. Wörter verschieden „sehen“ können fördert das Rechtschreibverständnis
    Wörter lassen sich verschiedenartig gruppieren: Wortfamilien, Wortfelder, gemeinsame Besonderheiten in der Rechtschreibung uvm.
  17. Selbstkontrolle ist effektiver als Fremdkontrolle
    Durch eine eigene Fehlerkorrektur lernen die Kinder mehr. Die Anforderungen an eine selbstständige Berichtigung des eigenen Textes lässt sich herunterbrechen: Fehlermarkierung der Zeile, Wortmarkierung, Markierung der „kritischen“Stelle.
    Die übrigen Fehler berichtigen wir als Lehrkraft kommentarlos.
  18. Diktate: Auf das „wie“ kommt es an
    Aufgabenvariationen sind in diesem Themenfeld wichtig: Wörter in Lücken einfüllen, Selbstdiktat, Laufdiktat, Dosendiktat, Partnerdiktat, Hördiktat.
    Am Ende ist die Selbstkontrolle anhand einer Vorlage wichtig.
  19. Anforderungen (und Noten) nach Leistungsstufen staffeln
    Die Beschreibung des Leistungsstandes ist aussagekräftiger als eine Ziffernnote.
    Anforderungen staffeln und an den Leistungsstand anpassen.
  20. Rechtschreibleistung hat auch mit Gefühlen zu tun
    Loben – Wertschätzung – Loben – Wertschätzung – Loben

Man mag es vielleicht kaum glauben: die Veröffentlichung ist aus dem Jahre 1992 und trifft so gut wie bei allen Punkten (Ausnahme Punkt 14) den Nagel auf den Kopf!
Es fehlt weiterhin nicht an Aktualität und Brisanz!

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